Traurigkeit und Freude

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser, eine ganz ungewohnte Sicht vermittelt uns der Titel des Gemeindebriefes. Das Bild vonHans-Hilmar Seel, den diesjährigen Bildern des Kreuzweges der Jugend in Zwickau (siehe Kalender) entnommen, stellt Jesus am Kreuz aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel dar. Der Monatsspruch ist ein Abschiedswort Jesu, dass angesichts des Kreuzweges Jesu Wiedersehen und Freude verspricht. Bild und Text gemeinsam sind für mich trotz des dunklen Eindrucks voller Hoffnung.

Hans-Hilmar Seel, Jahrgang 1944, heute in Kirchheim Teck lebend, ist Dichter und Maler. Seine Bilder sind auf Holz gemalt. Er entschied sich für diesen Untergrund, weil er beim Malen auf dem Fußboden kniend vorgehen wollte. War das von der Malpraxis her geboten, drückt es aber auch die innere Haltung des Künstlers aus. Er schreibt: Erst, wenn man die Phasen des Stürzens unter der Last des Kreuzes nebeneinander sieht, spürt man, dass das Kreuz von Mal zu Mal massiver wird, der Druck der schwarzen Nacht und der Einsamkeit schwerer wiegt. Die Bilder sollen unsere Herzen öffnen, auf die Seelenqualen, menschlichen Ängste, Gefühle und Schmerzen und schließlich die ungeheuerliche Kreuzigung weisen, die Gottes Sohn als Mensch für uns erlitten hat.“

Dass Jesus am Kreuz in seiner Todesstunde von oben abgebildet ist, ist ungewöhnlich. Sieht jemand von oben herab auf den Gekreuzigten? Oder erinnert der Blickwinkel nicht eher an den Vater des Gottessohnes, der ihm in der Todesstunde nahe ist wie kein anderer. Niemand sonst steht in der Nähe des Kreuzes. Jesu ist allein. Wer mit ihm unterwegs war, ist längst geflüchtet oder in sicherem Abstand. Es ist der Moment unendlicher Traurigkeit. Aber es ist auch der Moment, über dem Jesus ausrief: „Es ist vollbracht“, ganz nahe bei den Menschen, ihrer Schuld, ihrem Sterben und Tod, und gerade darin ganz am Ziel seines Weges. Der ungewohnte Blick lässt die Höhe des Kreuzes erahnen.

Jesu Versprechen an seine Jünger: „Ihr habt die Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ erinnert uns, dass sich Jesus Christus uns zeigt, dass die Begegnung mit ihm Traurigkeit überwindet und Freude auslöst, die niemand wegnehmen kann. Das ist so, weil Jesus aus keiner Lebenssituation mehr vertrieben werden kann, mit seinem Tod hat er sie alle durchlebt und überwunden.

„Jetzt glaubt ihr?“ fragt Jesus seine Jünger. „Siehe es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lässt. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,32ff)

Eine gesegnete Zeit, in der Traurigkeit in Freude verwandelt wird, wünscht Ihr/Euer Gemeindepastor Stephan Ringeis

Der Kreuzweg | gestaltet von Hans-Hilmar Seel |